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Norupo (ᚾᚩᚱᚢᛈᚩ): Das norwegische Runengedicht in Heilungs Stimme
Was „Norupo" aus dem Norwegischen Runengedicht übernimmt, warum es ein Jüngeres-Futhark-Alphabetgesang ist und wie jeder Runenname auf konkrete, alte Vorstellungen verweist—Vieh und Wohlstand, Hagel und Härte, Eibe und Ausdauer.
Norupo (ᚾᚩᚱᚢᛈᚩ) vertont das Norwegische Runengedicht—eine mittelalterliche Merkhilfe, die die sechzehn Zeichen des Jüngeren Futhark (das „Alphabet” der Wikingerzeit) der Reihe nach durchgeht. Der Titel Norupo (ᚾᚩᚱᚢᛈᚩ) ist kein altnordisches Wort; er schreibt schlicht NORU-PO in Runen—eine Abkürzung für „Norwegian Rune Poem”, die Quelle, auf die Heilung die Lyrics zurückführen (vgl. Presse/Reviews).
Wo Heilungs „Asja” stärker mit rekonstruierten Ritualsprachen arbeitet, verankert sich Norupo in einem überlieferten Text. Das Gedicht ist über frühneuzeitliche Abschriften (u. a. bei Ole Worm) erhalten und ordnet jeder Rune ein kurzes Bild oder Sprichwort zu. So wird der Track zu einem „Alphabetlied”—nur eben für Runen: knapp, konkret, sprichwörtlich, damit Name und Bedeutung gemeinsam hängen bleiben.
Fachlich gehört die Quelle zum Jüngeren Futhark, dem 16-Runen-System der Wikingerzeit, reich belegt auf Runensteinen und Objekten in Skandinavien. Das Gedicht diente vermutlich als Lernhilfe: Jede Rune erhält ein prägnantes Bild—Vieh, das Streit entfacht; Hagel, der die Saat trifft; der Flussmund, der Reisen leitet—damit Laut und Sinn zusammenfinden.
👉 Lies auch die englische Analyse und Übersetzung von Norupo
Was ist eine germanische (Futhark-)„Rune”?
Eine Rune ist Buchstabe und verdichtete Idee. Das Wort geht auf urgermanisch rūnō „Geheimnis, Geflüster, Rat” zurück (ahd./ae. rún, got. runa). Von Anfang an schwingen Geheimnis, Beratung, Zaubersprache mit. In den Quellen stehen Runen gleichermaßen auf Besitzmarken und Handelswaren wie auch auf Zaubersprüchen, Eiden und Denkmälern.
Als Schrift sind die Runen eine germanische Anpassung mediterraner Alphabete—wahrscheinlich über norditalisch/etruskische Formen (mit römischem Kontakt), letztlich aus der Kette phönizisch → griechisch → italisch. Für Holz, Knochen, Stein wurden die Zeichen auf gerade, einkerb-bare Striche reduziert. Futhark ist selbst ein Merkwort aus den ersten sechs Zeichen: f-u-þ-a-r-k.
Das älteste System, das Ältere Futhark (24 Zeichen, 2.—7. Jh.), verbreitet sich im germanischen Raum. In der Wikingerzeit schrumpft es zum Jüngeren Futhark (16 Zeichen)—passend zu den nordgermanischen Lautwandelprozessen. Genau dieses Set lehrt das Norwegische Runengedicht: kurze Sprüche, die Name und Bild koppeln, damit Lernende Laut und Sinn behalten.
Runeninschriften reichen vom Praktischen bis zum Numinosen: Namen, Werkersignaturen, Gedenksteine, Reiseberichte, Widmungen—und zuweilen „galdr” (oder Galster auf Deutsch), gesungene/gesprochene Magie. Darum konnte rún zugleich Buchstabe und Geheimnis bedeuten. In Norupo knüpfen Heilung daran an: Das Alphabet ist nicht nur ein Werkzeug der Schrift, sondern ein Katalog von Kräften—Vieh und Hagel, Not und Eis, Sonne und Eibe—jede Rune ein kleines Bündnis aus Sprache, Gedächtnis und Wirken.

Die Runennamen: Bedeutungen mit echter Etymologie
Diese Zeilen sind keine wolkige Mystik; sie verweisen auf Alltagswirklichkeit und sehr alte Wörter. Einige Schlaglichter:
- Fé „Wohlstand” ist ursprünglich „Vieh” (urgerm. fehu). Dazu ae. feoh/feo (Geld, Gut) → dt. „Fee/Entgelt” im Engl. fee; vgl. dt. Vieh. Bewegliche Herden wurden zu beweglichem Vermögen.
- Úr meint im norwegischen Gedicht „Eisenschlacke”, in der isländischen Version dagegen „Nieselregen”. Gleiches Runen-Lemma, andere lokale Eselsbrücke—die Gedichte sind mnemonisch, keine Lexika.
- Þurs „Riese, Unhold” markiert zerstörende Kraft; vgl. dial. engl. thurse, nahe bei Þór.
- Óss bedeutet hier „Flussmund”, in der isländischen Fassung „Gott”. Gleichklang, kontextabhängiges Bild.
- Nauðr „Not, Zwang” ist die Basis von engl. need, ae. nīed, dt. Not—ein Wort, das sich wie ein Gürtel zuzieht.
- Hagall „Hagel” entspricht engl. hail, dt. Hagel—ein Bauernschreck in einer Silbe.
- Ýr „Eibe”: immergrün, Bogenholz; vgl. engl. yew—zäh, leicht giftig, nützlich.
Kompaktübersicht (Runenname → Spruchgloss → nahe Kognaten)
| Rune | Spruch-Glosse (Norwegisch) | Kognaten/Notizen | URL-Encoding (UTF-8) |
|---|---|---|---|
| Fé (ᚠ) | Wohlstand, Vieh-Vermögen, Gebühr, engl. ‘Fee’ | ae. feoh/feo → fee; dt. Vieh | %E1%9A%A0 |
| Úr (ᚢ) | Schlacke (schlechtes Eisen) | isl. Gedicht: „Nieselregen” (úr) | %E1%9A%A2 |
| Þurs (ᚦ) | Riese, schädliches Wesen | engl. dial. thurse; mythol. Þursar | %E1%9A%A6 |
| Óss (ᚬ) | Ästuar, Flussmündung | Homonym zu „Gott” im isländischen Gedicht | %E1%9A%AC |
| Ræið (ᚱ) | Reiten | engl. ride, road (Semantikfamilie) | %E1%9A%B1 |
| Kaun (ᚴ) | Geschwür, Beule | anord. kaun „Wunde” | %E1%9A%B4 |
| Hagall (ᚼ) | Hagel | engl. hail; dt. Hagel | %E1%9A%BC |
| Nauðr (ᚾ) | Not, Zwang | engl. need; ae. nīed/nēd; dt. Not | %E1%9A%BE |
| Ís (ᛁ) | Eis | engl. ice; dt. Eis | %E1%9B%81 |
| Ár (ᛅ) | gutes Jahr/Ernte, Wohlstand | anord. ár „Fülle”; nahe bei engl. year | %E1%9B%85 |
| Sól (ᛋ) | Sonne | anord. sól; engl. sun | %E1%9B%8B |
| Týr (ᛏ) | der Gott Týr | engl. Tuesday (< Tiw), idg. deiwos | %E1%9B%8F |
| Bjarkan (ᛒ) | Birke | engl. birch; dt. Birke | %E1%9B%92 |
| Maðr (ᛘ) | Mensch | engl. man; dt. Mann | %E1%9B%98 |
| Lǫgr (ᛚ) | Wasser, Wasserfall; auch „Gesetz(e)” anderswo | „low” kein Kognat; Rechtssinn in anord. lǫg | %E1%9B%9A |
| Ýr (ᛦ) | Eibe (Bogenholz) | engl. yew; Bogentradition | %E1%9B%A6 |
Hinweis: Das ist das Jüngere Futhark (z. B. ᚴ Kaun, ᚼ Hagall, ᛅ Ár, ᚬ Óss).

Liedtext und Übersetzung
Ein einziger, sauber kopierbarer Block: Originalzeilen (wie von Heilung adaptiert) mit direkter deutscher Zeile darunter. Orthographie folgt gebräuchlichen Editionskonventionen.
Norupo (ᚾᚩᚱᚢᛈᚩ) — Paarweise (Altnordisch / Deutsch), inkl. Männerstimme
Fé vældr frænda róge
(Reichtum verursacht Zwietracht unter Verwandten;)
Føðesk ulfr í skóge
(der Wolf wird im Wald großgezogen.)
Úr er af illu jarne
(Schlacke stammt von schlechtem Eisen;)
Opt løypr ræinn á hjarne
(der Rentier läuft oft über harten Schnee.)
Þurs vældr kvinna kvillu
(Ein Riese bringt Frauen Kummer;)
Kátr værðr fár af illu
(von Unheil wird kaum jemand heiter.)
Óss er flæstra færða
(Der Flussmund ist der Weg der meisten Reisen;)
Fǫr; en skalpr er sværða
(aber die Scheide ist der Weg der Schwerter.)
Ræið kveða rossom væsta
(Reiten, so sagt man, ist das Schlimmste für Pferde;)
Reginn sló sværðet bæzta
(Reginn schmiedete das beste Schwert.)
Kaun er barna bǫlvan
(Ein Geschwür ist der Kinder Plage;)
Bǫl gørver nán fǫlvan
(Unheil macht den Leib fahl.)
Hagall er kaldastr korna
(Hagel ist das kälteste aller Körner;)
Kristr skóp hæimenn forna
(der Weltenherr formte die alte Welt.)
Nauðr gerer næppa koste
(Die Not lässt nur wenige Möglichkeiten;)
Nøktan kælr í froste
(der Nackte friert im Frost.)
Uunia, Runo, Sigurd
(Männerstimme—rituelle/phonische Silben; ruft „Runen / Sieg / Sigurd" an.)
Fähig ani, Regina, Gunada
(Männerstimme—phonische Silben; keine direkte Lexem-Entsprechung.)
Ís kǫllum brú bræiða
(Eis nennen wir eine breite Brücke;)
Blindan þarf at læiða
(den Blinden muss man führen.)
Ár er gumna góðe
(Ein gutes Jahr ist gut für die Menschen;)
Get ek at ǫrr var Fróðe
(ich sage, dass Fróði freigebig war.)
Sól er landa ljóme
(Die Sonne ist der Länder Glanz;)
Lúti ek helgum dóme
(ich neige mich heiliger Ordnung.)
Týr er æinendr ása
(Týr ist einhändig unter den Göttern;)
Opt værðr smiðr blása
(oft muss der Schmied die Blasebälge treiben.)
Uunia, Runo, Sigurd
(Männerstimme—Ritualrefrain, sehr wahrscheinlich von Kai Uwe Faust.)
Fähig ani, Regina, Gunada
(Männerstimme—phonische Silben ohne klare wörtliche Bedeutung.)
Bjarkan er laufgrønstr líma
(Die Birke ist der laub-grünste der Zweige—am „blätterreichsten".)
Loki bar flærða tíma
(Loki brachte Zeiten der List.)
Maðr er moldar auki
(Der Mensch ist der Zuwachs der Erde;)
Mikil er græip á hauki
(mächtig ist die Klaue des Falken.)
Lǫgr er, fællr ór fjalle
(Wasser ist, was vom Berge fällt—)
Foss; en gull ero nosser
(ein Wasserfall; und Schmuck ist aus Gold.)
Ýr er vetrgrønstr viða
(Die Eibe ist im Winter am grünsten unter den Hölzern;)
Vænt er, er brennr, at sviða
(angenehm ist's, wenn sie brennt, dass sie sengt.)
Varianten: Die „Weltenformer”-Zeile erscheint in christianisierten Abschriften als „Kristr skóp…”, andernorts als theistischer Beiname (Herjan, „Heer-Vater”, d. h. Odin). Norupo glättet die Orthographie für den Gesang.
Die kurzen Interludien stammen von der Männerstimme (sehr wahrscheinlich Kai Uwe Faust) und sind rituelle, phonische Rufe statt streng altnordischer Lexik; sie stützen Puls und Themen („Runen”, „Sieg”, Heldennamen).
Was die Runen in diesen Zeilen tun
Das Design ist mnemonische Minimalistik. Jeder Runenname öffnet ein Bedeutungsfeld: Fé ist mehr als „Geld”—es ist bewegliches Vieh, das Neid entzündet. Nauðr zieht die Optionen eng; die Anschlusszeile erdet das körperlich. Hagall macht Wetter zur Lehre. Óss als „Flussmund” denkt in Navigation. Ýr schließt mit der Eibe, Bogenholz, wintergrün, leicht gefährlich—ein letztes Bild von Hitze und Sengschatten.
Quer durch die Strophen spürt man den Lehrplan: Vieh- und Besitzordnung, Metallurgie, Wetter, Seefahrt, Handwerk, Recht, Jahreslauf, Götter—das, was eine maritime Agrargesellschaft ihrem Nachwuchs einprägt.
Zusammengenommen
Norupo ist Pädagogik als Gesang. Heilung lassen die schlichten Worte stehen und legen Puls, Drone und Wechselruf darunter, sodass jedes Bild—Vieh, Hagel, Ästuar, Eibe—zuerst im Körper ankommt und dann im Kopf. Wo Alphabetlieder meist enden, wenn die Zeichen enden, bleibt hier ein Geschmack von Ethik: Reichtum prüft die Sippe; Not verengt Wege; Wetter zügelt Hoffnungen; Handwerk und rechte Verehrung halten die Ordnung.
Schluss
Norupo spricht kein Alphabet herunter—es öffnet einen Schwellenraum. Das Norwegische Runengedicht war einst ein Pfad im Gedächtnis: kurze, harte Bilder für Schiff und Winter. Heilung lässt diesen Pfad wieder klingen und macht aus jeder Rune Atem und Herzschlag: Vieh wird zu Wohlstand, der Bande belastet; Hagel zur plötzlichen Himmelsmacht; Not zieht enger; die Eibe hält ihr grünes Feuer im Schnee. Zwischen den Versen ruft die Männerstimme wie ein Ritualsignal durch die Langhalle: Das ist keine Vorlesung—das ist arbeitender Gesang.
Was das Gedicht benennt, verkörpert die Band: Trommeln setzen den Flussmund in Bewegung; Drones halten das Eis; Stimmen heben Týrs Standhaftigkeit und die Rückkehr der Sonne. Am Ende fühlen sich Runen weniger wie Buchstaben an und mehr wie Anwesenheiten—Dinge, neben denen man stehen kann: Recht und Wasser, Reise und Werk, Verbergen und Rat. Norupo lässt die alte Merkhilfe als Zeremonie neu aufleben—Gedicht und Trance greifen ineinander zu einem geteilten Ritus.
Quellen & Weiteres
- Überblick zur Runengedicht-Tradition und zur norwegischen Fassung; Kontext des Jüngeren Futhark (16 Runen).
- Einträge mit Handschriften-/Variantenhinweisen (u. a. Ole Worm).
- Repräsentative englische Übersetzungen des Norwegischen Runengedichts.
- Hinweise auf Heilungs Nutzung und fan-dokumentierte Text/Übersetzungen.
- Hintergrund zum Jüngeren Futhark als Runenset der Wikingerzeit.
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